SWR zu Gast in Neuleiningen

Der SWR besuchte für seine Serie Hierzuland Neuleiningen.
Es entstand eine wunderbare Reportage über die Straße "An den Gärten".
Mit dem nachfolgenden Link gelangen Sie auf die Seite des SWR und können sich den Film ansehen.

http://www.swr.de/landesschau-rp/hierzuland/neuleiningen-an-den-gaerten/-/id=100766/did=17897798/nid=100766/xed1xg/index.html

Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen.

Wo mit etwas Fantasie das Mittelalter wieder auflebt

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Wo mit etwas Fantasie das Mittelalter wieder auflebt
Neuleiningen in der Pfalz hat sein historisches Ortsbild bis heute bewahrt – Schöne Legende um Gräfin Eva 
Von Willy Storck

Neuleiningen. Ohne die Gräfin Eva kommt kein Bericht über Neuleiningen aus. Die Legende, die zu den besonders schönen aus der Pfalz zu zählen ist, geht so: Im Bauernkrieg 1525 soll die hohe Frau den Bauern, die die Burg Neuleiningen zu plündern und zu brandschatzen gedachten, das Tor geöffnet und sie zu Speis‘ und Trank eingeladen haben. Die Bauern zogen satt und trunken ab, die Burg blieb unversehrt.

Ganz so romantisch dürfte die Sache nicht abgelaufen sein. Wohl eher hatte der Bauernhaufen, der zuvor die Stammburg Altleiningen der Leininger Grafen verwüstete, die Gräfin gezwungen, sie zu bewirten. Denn eine Dame des Hochadels hätte sich freiwillig wohl nicht so gedemütigt. Aber eines stimmt: Burg und Ort ließen die Bauern unversehrt.

Neuleiningen liegt auf dem rund 300 Meter hohen „Leininger Sporn“, einem Vorberg der nördlichen Haardt bei Grünstadt. Die A 6 verläuft in unmittelbarer Nachbarschaft und diese Erhebung mit dem dicht um Burg und Kirche St. Nikolaus gedrängten Ort ist kaum zu übersehen. Beim Näherkommen fallen die noch stattlichen Reste der früheren, mit vier Ecktürmen versehenen Befestigung aus dem 13. Jahrhundert auf. Wer den historischen Teil des heute rund 900 Einwohner zählenden Ortes durch das Obere Tor betritt, das einzige noch vorhandene der einstigen Stadttore, kann bei etwas Phantasie den spätmittelalterlichen Geist aus der Zeit der Gräfin Eva spüren. Es geht durch enge gepflasterte Gassen, vorbei an Fachwerk oder gepflegtem Verputz, dazwischen immer wieder Blumenschmuck. Der Brunnen auf dem Marktplatz, dessen Wasser einst eine Etage tiefer im Spülbrunnen zum Reinigen von Eimern oder dergleichen weiterwendet wurde, ist hier tatsächlich alt und dann steht man am Ende des Bergsporns neben der Kirche und schaut hinaus in die Rheinebene. Wer Wetterglück hat, kann weit sehen.

Burg und Ort  wurden zwischen 1238 und 1250 unter dem Grafen Friedrich III. von Leiningen erbaut. Architektonisch war die Anlage etwas Besonderes: Hier entstand im nachmaligen Deutschland das früheste Beispiel des um 1200 in Frankreich aufgekommenen Typs der Kastellburg. Auf viereckigem Grundriss wurden hohe, mit Wehrgängen versehene Mauern errichtet. Die Ecken waren durch nach außen gestellte runde Türme verstärkt, die auch der Seitenflankierung der Außenmauern dienten und zudem dem Beschuss durch Wurfmaschinen besser trotzten.  Die Leininger waren im deutschen Südwesten ein bedeutendes Geschlecht und ihre neue Burg dürfte entsprechend repäsentativ Sitz ausgestaltet worden sein.

Der besondere Reiz liegt darin, dass die Burg und der Ort nicht getrennt zu sehen sind, sondern mit der Ummauerung ein Ensemble bilden, wie es auch in der an eindrucksvollen Dörfern nicht eben armen Pfalz selten ist. Die noch sichtbare Stadtmauer erinnert daran, dass Neuleiningen Mitte des 14. Jahrhunderts Stadtrechte erhielt, die es übrigens erst im Zuge der Französischen Revolution und der damit verbundenen vorüber gehenden Zugehörigkeit zu Frankreich wieder verlor.

Neuleiningen, das im 15. Jahrhundert als eine der am besten befestigten Städte der Region galt, geriet um diese Zeit in familiäre Turbulenzen. Der Landgraf Hesso war kinderlos gestorben, seine Schwester Margarethe von Westerburg wollte erben. Am Ende des heftigen Streits teilten sich Reinhart I. von Leiningen und der Wormser Bischof Städtchen und Burg. Die überstand sogar den 30jährigen Krieg ohne Schaden. Als aber die französischen Truppen im Pfälzischen Erbfolgekrieg die ganze Pfalz verheerten, war 1690 auch ihr Ende besiegelt.

Die Geschichte gestaltete sich von da an sehr wechselhaft. Ab 1767 war der Bischof von Worms Besitzer von Neuleiningen. Unter der Herrschaft Napoleons wurde die Burg 1803 als französisches Nationaleigentum an Privatinteressenten versteigert. Erst 1874 kam sie wieder in den Besitz der Leininger, die sie ihrerseits 1941 der Gemeinde schenkten.

Die hat aus dem, was noch übrig war, etwas gemacht, wozu nicht zuletzt Restaurierungen in den 80er und 90er Jahren beitrugen. Der Besucher kann sich in den weiten Innenraum zwischen den immer noch imposanten Mauern setzen und mit etwas Phantasie die Geschichte bemühen, sich vielleicht auch der Gräfin Eva und ihrer unfreiwilligen Begegnung mit dem zornigen Landvolk erinnern samt der offenbar doch besänftigenden Wirkung des Weins, der auch in Neuleiningen eine gepflegte Heimat hat. Oder er stellt sich vor, wie das hier beim „Neuleininger Burgsommer“ sein mag, der sich in einem knappen Jahrzehnt in der Regie von Tobias Ueberschaer von einem Dorf-Festival zu einer überregional beachteten Veranstaltung entwickelt hat.

Wer sich gerne genauer über die Geschichte von Burg und Städtchen informieren möchte, kann dies im Leinigerland-Museum an der Münze tun, das  von der 2005 vom Heimat- und Kulturverein gegründeten Stiftung Historisches Neuleiningen betreut wird. Das Museum, untergebracht in einem adäquaten historischen Fachwerkgebäude, vermittelt die Paläontologie und Geologie der Region und zeigt zudem neben volkskundlichen Sammlungen  auch Neuleininger Steingut der bis 1932 bestehenden Firma Jacobi, Adler & Co. sowie Arbeiten des Neuleiniger Malers Simon Conradi. Vor allem wird hier auch die Geschichte von Burg und Stadt sowie des Leininger Grafengeschlechts veranschaulicht (das eigentlich hierfür vorgesehene Museum im Burgturm ist derzeit wegen Umgestaltung geschlossen).

Wer durch den Ort schlendert, zwischendurch die eine oder andere steile Staffel bewältigend, wird dankbar registrieren, dass es hier noch üblich zu sein scheint, den Besucher freundlich zu grüßen. Zum angenehmen Image gehört auch die Gastronomie, die Gutbürgerliches im besten Sinne ebenso zu bieten hat wie – so in der „Alten Pfarrey“ mit ihrem schönen begrünten Hof – Küchenleistungen für gehobene Ansprüche. Übernachten kann man hier auch ganz gut, was Neuleiningen zu einem geeigneten Standquartier für einen Kurzurlaub mit Erkundung der reizvollen Umgegend macht.

Nochmals ein Gang zur Terrasse und ein letzter Blick auf die Ebene. Die schöne Geschichte von der Gräfin Eva und den Bauern, die über dem Schmausen das Verwüsten vergaßen, wird uns begleiten.

AUF EINEN BLICK
Anfahrt:  Über die A 6 bis Ausfahrt Wattenheim, dann Richtung Hettenleidelheim/Tiefenthal bis Neuleiningen.
Öffnungszeiten Museum: Jeden ersten und dritten Sonntag im Monat sowie Feiertage außer Karfreitag und Allerheiligen von 13 bis 17 Uhr. Außerdem zu besonderen Terminen wie Internationalem Museumstag und Burgweinfest. Individuelle Stadt- und Burgführungen auf Anfrage möglich.
Veranstaltungen: Neuleininger Burgsommer,  sieben Veranstaltungen vom 27, Juni bis 9. August, u.a. mit „Schöne Mannheims“ und Konstantin Wecker (weitere Informationen unter www.zellkultur-zellertal.de/burgsommer-neuzleiningen) ; 24.  Bis 28. Juli Burgweinfest; 29./30. November und 6./7. Dezember Romantischer Weihnachtsmarkt im Burghof).
Kontakt: Gemeindeverwaltung, Mittelgasse 46, 67271 Neuleiningen, Tel. 06359 / 23 15, www.neuleiningen.de
Ziele in der Umgebung: U.a. Bad Dürkheim, Donnersberg, Eiswoog, Deutsche Weinstraße.

Erschienen am 31. Mai 2014 in der „Saarbrücker Zeitung“ 

Mit freundlicher Genehmigung des Autors.